Auch Plastisol kennt windgeschützte Ecken
Jeder kennt Schneeverwehungen. Obwohl ringsherum dieselbe Menge Schnee fällt, entstehen an manchen Stellen kleine Hügel und an anderen bleibt nur eine dünne Schicht Schnee liegen. Der Wind verteilt den Schnee hinter dem Haus und unter dem Vordach anders als im freien Gelände.
Auch flüssiges PVC sammelt sich während der Herstellung lieber an bestimmten Stellen als an anderen – allerdings nicht wegen des Windes, sondern aufgrund der Bauteilgeometrie. Unter Materialanhäufungen versteht man Bereiche eines PVC-Tauchteils, an denen die Wandstärke geometriebedingt größer ausfällt als in der übrigen Bauteilgeometrie und eine typische Eigenschaft des PVC-Tauchverfahrens darstellt.
Beim Tauchen wird ein erhitzter Tauchkern in flüssiges PVC-Plastisol eingetaucht. An seiner Oberfläche bildet sich eine PVC-Schicht, die während der anschließenden Gelierung fest wird. Je nach Form des Bauteils verteilt sich das Material jedoch nicht überall gleichmäßig. An manchen Stellen bleibt mehr PVC haften, an anderen entsprechend weniger.
Die Ursache liegt in der Wärmeverteilung des Tauchkerns und im Fließverhalten des PVC-Plastisols.
Bereiche des Tauchkerns mit größerem Materialquerschnitt speichern mehr Wärmeenergie als filigrane Bereiche. Sie geben diese Wärme langsamer an das PVC-Plastisol ab. Dadurch kann das Material dort länger gelieren und eine dickere PVC-Schicht aufbauen.
Zusätzlich beeinflusst die Form des Bauteils das Abfließverhalten des überschüssigen Plastisols nach dem Herausziehen des Tauchkerns. Übergänge, Rundungen, Ecken oder größere Querschnitte begünstigen örtlich stärkere Materialansammlungen. Auch die Viskosität des eingesetzten PVC-Plastisols sowie die Ein- und Austauchgeschwindigkeiten wirken sich auf die spätere Wandstärkenverteilung aus.
Deshalb ist es technisch nicht möglich, bei komplexen Tauchteilen überall exakt dieselbe Wandstärke zu erzielen.
Materialanhäufungen gehören zum Erfahrungsschatz jedes Herstellers von PVC-Tauchteilen. Bei HAMCO werden sie deshalb bereits während der Angebotsphase eines Bauteils berücksichtigt.
Durch die Gestaltung des Tauchkerns, die Wahl geeigneter Radien, die Ausrichtung des Bauteils während des Tauchprozesses und die Abstimmung der Prozessparameter lässt sich die Wandstärkenverteilung in Grenzen beeinflussen. Ziel ist jedoch nicht, jede Materialanhäufung vollständig zu vermeiden, sondern deren Größenordnung zu minimieren. Entscheidend ist, dass die Materialverteilung den Anforderungen an Funktion, Haltbarkeit und dem Anwendungsfall gerecht wird.
Materialanhäufungen zeigen, dass sich flüssiges PVC genau dort etwas mehr gönnt, wo Form und Physik es zulassen.