Eingefrorene Spannungen

Stell dir vor, du ziehst nach langer Zeit mal wieder den Anzug an, den Du zuletzt zu einer Hochzeit getragen hast. Du bemerkst, dass die Hose schon mal lockerer saß, aber deswegen einen neuen Anzug zu kaufen kommt für Dich nicht infrage. Du ziehst den Bauch etwas ein, schließt die Hose und denkst: Für ein paar Stunden wird’s schon gehen, nur nicht (zu doll) bewegen, dann halt ich den leichten Druck um den Bauch herum schon aus. Im Anzug gibst Du nach außen hin ein gutes Bild ab.

Beim Spritzgießen wird der heiße Kunststoff sehr schnell in die gekühlte Werkzeuggeometrie des späteren Kunststoffformteils gespritzt. Es kommt der große Schock: Abkühlung! Das gerade noch quickfidele Material erstarrt vor Schreck in der Bewegung und durch die einsetzende Schrumpfung wird alles ganz schnell zu eng. Mit Nachdruck und Haltedruck werden die noch fehlenden Kunststoffmoleküle in die Form gepresst. Wenn sich dann nichts mehr bewegt, wird das Bauteil entformt und gibt trotz der eingefrorenen, inneren Spannungen nach außen hin ein gutes Bild ab.

Beim Bauteil wie beim Menschen sieht nach außen hin alles gut aus. Doch innerlich herrscht drückend schlechte Stimmung. Endlich raus aus der Hose – welch eine Wohltat. Wird das Bauteil später belastet, erwärmt oder bekommt Kontakt mit bestimmten chemischen Agenzien, können sich diese versteckten, eingefrorenen Spannungen entladen.  Dann verformt sich das Teil, es bekommt Spannungsrisse oder bricht.

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